Legenden der DonauDie Geschichte der Schaufelraddampfer Kisfaludy und Hableány

In der Reformära der 1840er Jahre wurde die Entwicklung moderner Transportmittel in Ungarn zu einer nationalen Priorität. Der Schifffahrt wurde ebenso viel Bedeutung beigemessen wie dem entstehenden Eisenbahnnetz. In dieser Zeit tauchten erstmals Dampfschiffe auf und revolutionierten den Wasserverkehr im ganzen Land. Zwei legendäre Schiffe wurden zu Symbolen dieses neuen Zeitalters: die Schaufelraddampfer 1990 und 1991. Der eine läutete die Blütezeit der Schifffahrt auf dem Plattensee ein, während der andere bis nach Paris fuhr und der Welt die ungarische Ingenieurskunst präsentierte. Diese Schiffe waren nicht nur Wunderwerke ihrer Zeit, sondern auch starke Symbole des Fortschritts und des Nationalstolzes.

Die Geschichte des Schaufelraddampfers Kisfaludy

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts befuhren nur Segel- und Ruderboote den Balaton. Reisen auf dem See waren mühsam und beschwerlich – die Menschen fuhren entweder mit Karren über holprige Straßen oder mussten lange Umwege mit Fähren in Kauf nehmen, um von einem Dorf zum anderen zu gelangen. Dies änderte sich mit einer bahnbrechenden Initiative von István Széchenyi, der das ungenutzte Potenzial der Dampfschifffahrt auf dem See erkannte. 1846 gründete er zusammen mit dem Adligen Károly Hertelendy aus dem Komitat Zala die Balaton-Dampfschifffahrtsgesellschaft.

Ihr erstes Schiff wurde nach einer der bedeutendsten literarischen Figuren der ungarischen Reformära benannt, dem Dichter Sándor Kisfaludy, der die Atmosphäre des Sees in seinem Gedicht „Ein Balaton“ so eindrücklich beschrieben hatte. Der Bau begann auf der Óbuda-Werft, wo der Holzrumpf gefertigt und anschließend mit Pferdewagen ans Ufer des Balaton transportiert wurde. Die 40 PS starke Dampfmaschine wurde aus England beschafft und ihre Einzelteile per Schiff nach Ungarn verschifft. Die Endmontage des Dampfers erfolgte in Balatonfüred.

Kisfaludy vor Balatonfüred, Gemälde von Károly Lajos Libay

Am 21. September 1846 – István Széchenyis 55. Geburtstag – lief die Kisfaludy zum ersten Mal vom Stapel. Während ihrer Jungfernfahrt von Balatonfüred nach Kenese, die etwa eine Stunde dauerte, wurde sie so enthusiastisch empfangen, dass selbst die Geheimpolizei des Wiener Hofes aufmerksam wurde. In ihren Berichten wurde die friedliche Feier als verdächtige politische Demonstration dargestellt.

Die Kisfaludy war damals mehr als nur eine technische Innovation – sie entwickelte sich zu einem schwimmenden Gesellschaftssalon. Ihr Interieur wurde von Széchenyis Frau, Gräfin Crescence Seilern, entworfen und bestach durch weiß-goldene Paneele, Mahagonisäulen und große Spiegel, die dem Raum eine elegante, raffinierte Atmosphäre verliehen. Das geräumige Deck bot einen Essbereich, eine kleine Bibliothek, bequeme Sitzgelegenheiten und sogar beheizte Kabinen für kühlere Tage. Gelegentlich wurde den Gästen an Bord Live-Musik geboten.

Kisfaludy macht sich auf den Weg zu seiner ersten Reise zum Plattensee, Miklós Szerelmeys Balaton-Album, Illustration

Der für über 200 Passagiere ausgelegte Dampfer entwickelte sich schnell zu einer beliebten Attraktion für wohlhabende Reisende. Im Frühjahr 1847 nahm er den Linienverkehr auf. Obwohl er hauptsächlich in der Sommersaison verkehrte, trug er maßgeblich zur Steigerung des Tourismus in der Balaton-Region bei – und mit der Zeit konnte sich auch die wachsende Mittelschicht den Luxus einer Seereise an Bord leisten.

Wenige Jahre nach ihrer Indienststellung übernahm die Kisfaludy eine unerwartete militärische Rolle. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es entlang des Südufers des Plattensees noch keine Eisenbahnlinie, wodurch der Dampfer zum schnellsten Transportmittel in der Region wurde. Während des Ungarischen Unabhängigkeitskrieges 1848/49 beförderte das Schiff nicht nur Touristen, sondern auch verwundete Soldaten, militärische Depeschen, Befehle und sogar Waffen. Die österreichischen Behörden erkannten schnell die strategische Bedeutung des Schiffes und ordneten seine Zerstörung an.

Die Kisfaludy, die 1869 zu einem Eisenschiff umgebaut wurde, verlässt den Hafen von Balatonfüred.

Dank des Einfallsreichtums des damaligen Kapitäns Pál Bíró wurden diese Bemühungen vereitelt. Tagsüber lag die Kisfaludy versteckt in schilfbewachsenen Buchten entlang der Küste, der Kessel war abgestellt, um Rauchentwicklung zu vermeiden. Nur nachts durfte sie auslaufen. Die Anwohner spielten eine entscheidende Rolle bei der Unterstützung der Besatzung: Sie warnten sie vor herannahenden österreichischen Patrouillen.

Die Jagd dauerte Monate, doch den Österreichern gelang es nie, den Dampfer zu erobern. Nach der verlorenen Schlacht beschlagnahmten die Habsburger das Schiff und stellten es unter militärische Aufsicht – doch 1850 durfte es den regulären Passagierverkehr wieder aufnehmen.

Die Kisfaludy versah weitere vier Jahrzehnte ihren Dienst auf dem Balaton. Mit der Zeit verschlissen sie jedoch zunehmend, und mit dem Ausbau der Eisenbahn und dem Aufkommen neuerer, modernerer Schiffe verlor sie allmählich ihre zentrale Rolle. 1887 unternahm der Dampfer seine letzte Fahrt, bevor er außer Dienst gestellt und abgewrackt wurde.

Zeitplan von Kisfaludy

Graf István Széchenyi (1791 – 1860)

Graf István Széchenyi, bekannt als „der größte Ungar“, war der visionäre Staatsmann der Reformära des 19. Jahrhunderts und legte den Grundstein für eine moderne Nation. Er förderte den intellektuellen und sozialen Fortschritt durch die Gründung der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und die Etablierung des Nationalkasinos als zentrales Forum für fortschrittlichen Dialog. Seine praktischen Leistungen waren ebenso wegweisend: Er initiierte den Bau der ikonischen Kettenbrücke, Ungarns erster fester Brücke über die Donau, und leistete Pionierarbeit im dampfbetriebenen Transportwesen, indem er die Óbuda-Werft gründete und das erste Dampfschiff auf dem Plattensee vom Stapel ließ. Diese Projekte sowie sein unermüdliches Engagement für den Ausbau der Eisenbahn und moderner Industrien wie der Zuckerherstellung waren entscheidend für die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft des Landes.

Die Geschichte des Schaufelraddampfers Hableány

Zwei Jahrzehnte nach dem Erfolg der Kisfaludy auf dem Plattensee im Jahr 1867 unternahm István Széchenyis Sohn, Ödön Széchenyi – selbst ein begeisterter Förderer der Schifffahrt – ein wahrhaft ehrgeiziges Vorhaben: Er plante, von Pest über die Donau und die europäischen Binnenwasserstraßen nach Paris zu segeln, um an der Weltausstellung teilzunehmen. Da noch nie zuvor jemand eine solche Reise durch Europas Flüsse und Kanäle unternommen hatte, erregte das Projekt großes Aufsehen. Ödöns Ziel war es, die Leistungsfähigkeit der ungarischen Dampfschifffahrt unter Beweis zu stellen und die Errungenschaften des ungarischen Schiffbaus international zu präsentieren.

Kupferstich des „Hableány“ für die Ausgabe vom 2. November 1867 von „Magyarország és a Nagyvilág“ (Ungarn und die Welt)

Um diesen kühnen Plan zu verwirklichen, benötigte er ein Schiff, das sowohl robust als auch kompakt genug war, um selbst engste Kanäle und flachste Gewässer problemlos zu befahren. 1866 wurde nach den Entwürfen von Adolf Hörcher die „Meerjungfrau“ gebaut, die genau diesen Anforderungen gerecht wurde. Der Dampfer war nur 20 Meter lang, 3,66 Meter breit und hatte einen Tiefgang von lediglich 46 Zentimetern – perfekt geeignet für diese anspruchsvolle Route.

Die Hableány legte am 6. April 1867 in Pest ab, unter dem Kommando von Ödön Széchenyi. Die Besatzung bestand aus nur fünf Personen: Széchenyi als Kapitän, einem Steuermann, einem Maschinisten, einem Heizer und einem Koch. Die Reise umfasste mehr als 2.000 Kilometer und dauerte 43 Tage. Sie fuhren die Donau hinab, durchquerten den Ludwig-Kanal und folgten dann dem Main-Rhein-System bis nach Straßburg. Von dort aus befuhren sie die französischen Binnengewässer, um die Marne und schließlich die Seine zu erreichen, wo sie am 18. Mai 1867 ankamen.

Die Reise der Mermaid (in Lila) von Budapest nach Paris, Quelle: kriegsmarine.hu

Széchenyis kühne Expedition erregte europaweit großes Medieninteresse. Sein waghalsiges Unterfangen machte Schlagzeilen, und der Dampfer selbst wurde zu einem der Höhepunkte der Pariser Weltausstellung – er gewann sogar eine Goldmedaille in der Kategorie Maschinen. Bei seiner Ankunft wurde die Hableány von keinem Geringeren als Jules Verne begrüßt, der von der Geschichte so begeistert war, dass sie seinen Roman „Der Donaulotse“ beeinflusste. Das Schiff beherbergte auch Kaiser Napoleon III. und Kaiserin Eugénie zu einer kurzen Flussfahrt. In Anerkennung von Széchenyis außergewöhnlicher Leistung verlieh ihm der Kaiser die französische Ehrenlegion und sicherte ihm damit einen festen Platz in der Geschichte der europäischen Schifffahrt.

Nach der Weltausstellung kehrte die Hableány nicht nach Ungarn zurück. Széchenyi verkaufte das Schiff an den renommierten französischen Fotografen Félix Nadar. Wie die Kisfaludy wurde auch die Hableány von den Wirren der Geschichte mitgerissen – während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870 wurde sie zum Militärdampfer umfunktioniert. Nach Kriegsende beschlagnahmten die siegreichen Preußen das Schiff als Kriegsbeute und nutzten es für die Passagierbeförderung auf dem Rhein. 1874 fand ihre Reise ein tragisches Ende, als eine Kesselexplosion das Schiff zum Sinken brachte.

Die Hableány in Paris, Quelle: Schiffsregister

Ödön Széchenyi (1839 – 1922)

Graf Ödön Széchenyi, Sohn des „größten Ungarn“, war ein Mann der Tat, der den visionären Geist seines Vaters in konkrete, praktische Errungenschaften umsetzte. Seine waghalsige Reise nach Paris an Bord der O’Neal ist berühmt, doch sein bedeutendstes Vermächtnis in Ungarn ist die Schaffung eines organisierten Brandschutzsystems. Inspiriert von der Londoner Feuerwehr, gründete und leitete er sowohl die Freiwilligen- als auch die Berufsfeuerwehr in Budapest. Er erwarb sich tiefen Respekt, indem er mit gutem Beispiel voranging und eng mit seinen Männern zusammenarbeitete. Seine Expertise fand internationale Anerkennung und führte ihn zur Modernisierung der Feuerwehr in Istanbul, wo er so erfolgreich war, dass ihm der hohe militärische Titel eines Paschas verliehen wurde – eine seltene Ehre für einen Nichtmuslim.

Schaufelraddampfer in der Gegenwart

Die abenteuerlichen Reisen der Schiffe Kisfaludy und Hableány spiegeln eindrucksvoll den ungarischen Innovationsgeist des 19. Jahrhunderts und den internationalen Erfolg der Dampfschifffahrt wider. Die Kisfaludy führte als erstes Schiff einen regelmäßigen Dampfschiffverkehr auf dem Plattensee ein, während die Hableány bewies, dass ein in Ungarn gebautes Schiff Europas weitverzweigtes Netz von Flüssen und Kanälen bezwingen konnte. Beide Dampfer wurden zu Symbolen des Erfindergeistes und des Nationalstolzes der Reformära.

Zum Glück endeten ihre Geschichten nicht in den Geschichtsbüchern. Im 21. Jahrhundert wurden beide Schiffe wieder zum Leben erweckt – modernisiert, aber historisch getreu. Die Hableány wurde 2007 wiederaufgebaut, gefolgt 2014 von der Rekonstruktion der Kisfaludy, die anhand alter Fotografien und Baupläne historisch korrekt erfolgte. Obwohl ihr Betrieb heute modernen technischen Standards entspricht, fängt ihr Erscheinungsbild den Geist und die Eleganz des Ungarns der Reformära ein.